Universitätsbibliothek; Thomas Ruff

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Fotodokumentation

Ort

Eberswalde, Universitätsbibliothek, Friedrich-Ebert-Straße 28, 16225 Eberswalde

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Künstlerin, Künstler

Thomas Ruff

Technische Angaben

Werktechnik, Material

11 sich in Reihen wiederholende Motive, Blindprägung auf Beton, Siebdruck auf Glas

Maße

150 x 70cm je Fassadenplatte

Kurzbeschreibung

Ein minimalistischer Klinkerbau in Form eines Kubus, dessen Oberfläche durch horizontale Fensterschlitze und Oberlichtbänder strukturiert wird. Die Glas- und Betonplatten wurden mithilfe eines siebdruckähnlichen Verfahrens vollständig mit Fotomotiven aus dem Komplex Geschichte und Naturwissenschaft bedruckt.

Zeitangabe

Planung 1994-1996

Ausführung 1997-1999

Einweihung 7.April 1999

Inhaltliche Beschreibung

„Unmittelbar an der Straße steht der Bau als eine geschlossene Kiste mit drei von außen sichtbaren schmalen Fensterreihen. Der Eingang befindet sich auf der der Straße abgewandten Rückseite im Hof der Universität. Derart an die Straße vorgerückt, ist der Bau schon von weitem zu sehen. Die Fassade wird gebildet aus 17 Reihen übereinanderliegender Fotoplatten - der gesamte Bau ist also allseits überzogen mit fotografischen Schwarz-Weiß Bildern. Elf sich in Reihen wiederholende Motive werden jeweils auf ca. 150 x 70 cm großen Fassadenplatten gezeigt. Bei näherer Betrachtung sieht man, dass die Bilder als grobes Punktraster in die Betonplatten vertieft sind. In einem eigens entwickelten Verfahren auf Siebdruckbasis wurden die Motive in den Beton eingeätzt. Zusätzlich zu den schmalen Fenstern gibt es drei Reihen mit größeren Fensterbändern, die die Fassade nicht unterbrechen und von außen kaum sichtbar sind, weil sie komplett bündig mit den Betonplatten ebenfalls mit gerasterten Motiven bedruckt sind. Diese komplette Behandlung und die Geschlossenheit verstärken den Eindruck einer tätowierten Kiste. Die Wiederholung der gleichen Motive in Reihen zieht Ornamentbänder um das Gebäude. Vielfach wiederholt, fast schon ritualhaft wird der Inhalt des Baus nach außen gebracht.

Die visuellen Informationen auf der Außenhaut verweisen auf den Informationsgehalt der Bibliothek, sie versinnbildlichen konzentriertes Wissen. Es sind öffentliche Bilder, die aus Zeitungen und anderen Medien bekannt sind und solche, die allgemein dem Komplex Mensch und Wissen zugeordnet sind oder solche, die auf die Fachhochschule verweisen: Vater und Söhne eine Modelleisenbahn betrachtend über einer Abbildung des Flugzeugprototyps Loadmaster CBY-3 von Vicent Burnelli aus den 50er Jahren. Eine bekannte Fotografie von 1961, die Menschen zeigt, die aus Fenstern der Häuser an der Bernauer Straße springen über "Venus und Cupido" des italienischen Malers der Hochrenaissance Lorenzo Lotto. Ein großer Hirschkäfer über der Abbildung eines Gemäldes "Alexander von Humbold und Aimé Bonpland im Urwaldlaboratorium am Orinoco" von Eduard Ender von 1850.

Es ist eine Kunst-am-Bau-Arbeit an einem öffentlichen Gebäude, die besonders in den Außenraum hineinwirkt. Anders als es die oben beschriebenen Anweisungen vorgeben, hat hier kein konkurrierendes Wettbewerbsverfahren mit eingeladenen Künstlern stattgefunden. Hier ist ein fertig geschnürtes Paket - Architekt und Künstler - abgeliefert worden. Eine Ausschreibung unter Beteiligung von Anwohnern und Nutzern wie im Leitfaden Kunst am Bau beschrieben, fand nicht statt. Eine solche direkte Beauftragung ohne Auswahlverfahren bringt in anderen Fällen dicke Steine vor Banken oder Pferde vor Bahnhöfen und andere Scheußlichkeiten hervor, schafft also nicht gerade Identifikation sondern löst in der Regel verständlichen Unmut und Diskussionen aus. Kunst und Architektur gehen hier jedoch eine ungewöhnlich enge Verbindung ein, die in einer aus einem Wettbewerb hervorgegangenen Konstellation schwer vorstellbar wäre. Die enge Zusammenarbeit des Künstlers und der Basler Architekten Herzog & de Meuron bezieht sich auf die Entwicklung der künstlerischen Verfahrensweise ebenso wie auf die Bildauswahl. Die Motive wurden im Vorfeld in der Öffentlichkeit vorgestellt und intensiv diskutiert. Einige Motive mussten daraufhin ausgetauscht werden, und die letztendliche Auswahl der Bilder ist in einem gemeinsamen Prozess mit der damaligen Hochschulleitung, den Architekten und Thomas Ruff getroffen worden. So ist letztens Endes eine ebenso radikale wie auch wirklich schöne Lösung gelungen. "Ohne die Fotos wäre das ein langweiliger Klotz" zitiert die Berliner Zeitung, Lokales vom 8.4.99 Pierre de Meuron.“

(Quelle: Thorsten Goldberg, "Fotografie als Kunst im Öffentlichen Raum, ein Gespräch" in www.fotokritik.de)

Die Motive wurden nicht vom Künstler allein ausgesucht. Im einem gemeinsamen Prozess der Ideen- und Bildfindung mit der Hochschulleitung als Nutzer, den Architekten und dem Künstler und im Dialog mit der Öffentlichkeit wurden die Motive bestimmt. So wurde z.B. das Motiv der Bernauer Straße durch ein Motiv der Wiedervereinigungsfeier am 9. Oktober 1990 vor dem Brandenburger Tor getrennt. Andere Motive dagegen, beispielsweise Breschnew und Nixon oder eine Darstellung der Olympiade 1936 wurden verworfen und durch allgemeinere Motive der Zoologie ersetzt, wie z.B. der Darstellung eines Hirschkäfers. Das Motv eines Lesesaals in einer Bibliothek - als geisteswissenschaftlicher Bezug vervollständigten die Auswahl und runden das Gesamtbild ab. (Judyta Koziol)

Darstellung der Bildmotive auf der Fassade von unten nach oben:

1.: Junge Frauen auf einem Dachgarten liegend, Berlin 20er Jahre

2.: Flugzeugprototyp CBY-3 Loadmaster von Vincent Burnelli (1894-1964) 1955 als Transportflugzeug für eine Nordpol Expedition entworfen, Porototyp gebaut von Canada Car and Foundry, Montreal, aber nie in Serie gegangen (CBY3 = CanCar, Burnelli and Lowell Yerex)

3.: Vater und 2 Söhne Modelleisenbahn betrachtend

4.: Siebdruck auf der Fensterreihe: Lorenzo Lotto (1480 – 1556): „Venus und Cupido“

5. – 8.: Bernauer Straße, Berlin 1961, Menschen, die aus dem Fenster springen

7.: dazwischen auf einer Tafel: Reichtstag Berlin bei der Wiedervereinigungsfeier

9.: Siebdruck auf der Fensterreihe: Pieter Potter (1597 – 1652): „Vanitas“

10.: Haus am Horn 61, Weimar 1923, Entwurf Georg Muche

11., 12.: Torbogen des Palais von Colle Ameno in Bologna, mit Ausblick auf Landschaft

13.: Studenten lesend an Tischen sitzend in der Bibliothek des International Atlantic College, Wales

14.: Siebdruck auf der Fensterreihe: Eduard Ender (1822 – 1883) Gemälde um 1850: „Alexander von Humboldt in Südamerika mit dem Botaniker Aimé Bonpland“ in der Urwaldhütte sitzend und stehend vor einem Tisch draußen, oder auch „Urwaldlaboratorium am Orinoco“, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin

15.: großer Hirschkäfer

16., 17.: vergrößerter Ausschnitt von 1.: Junge Frauen auf einem Dachgarten liegend, Berlin 20er Jahre

Organisatorischer Rahmen, Eigentümer

Auftraggeber: das Land Brandenburg in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Eberswalde

Kooperationen

Bauherr: das Land Brandenburg - Landesbauamt Brandenburg Bernau und das Finanzministerium Brandenburg

Architekten: Jacques Herzog & Pierre de Meuron

Diskussion

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