Heute; Christian Hasucha

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Fotodokumentation

Ort

Borken, Umzäunte Weide des Landwirts Bernhard Rudde an der Landstrasse L 581 zwischen Velen und Ramsdorf, 46342 Velen, Kreis Borken

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Künstlerin, Künstler

Christian Hasucha

Technische Angaben

Werktechnik, Material

Betonguß, stahlarmiert, Weide und Umgebung in fünfjähriger Entwicklung unter wechselnden Wetterbedingungen

Maße

0,5 x 3 x 30 m (Schriftzug)

Kurzbeschreibung

Der Beton-Schriftzug „heute“ ist in eine umzäunte Wiese gestellt worden, an der Pendler und andere Landstrassenbenutzer regelmäßig vorbeikommen. Nach exakt fünf Jahren wird der Schriftzug konzeptgemäß wieder abgerissen und zu Schotter verarbeitet.

Zeitangabe

28. August 2005 – 28. August 2010

Inhaltliche Beschreibung

Christian Hasuchas Beitrag zur Skulptur-Biennale Münsterland 2005 ist aus vier unterschiedlich gewichteten, aber direkt aufeinander bezogenen Facetten zusammengesetzt. Das Kernstück besteht aus fünf überdimensionalen Betonbuchstaben. Sie sind bis zu drei Meter hoch [...]

[...] Eine vom Künstler verfügte spezifische Ortsangabe lokalisiert zweitens die Arbeit auf einer gewöhnlichen Viehweide, die in unmittelbarer Nähe einer viel befahrenen, insbesondere stark von Pendlern frequentierten Landstraße liegt. Die Straße verbindet die beiden Ortsteile der Gemeinde Velen (Velen und Ramsdorf) miteinander.

Eine zeitliche Vorgabe für die Dauer des Schriftzuges wurde drittens durch den Künstler auf exakt fünf Jahre streng begrenzt. Nach Ablauf der Frist soll die eigentliche Skulptur abgebaut und ihre einzelnen Elemente zerstört werden.

Der vierte und letzte Bestandteil der Arbeit ist eine Art Rezeptionsanweisung, in welcher der Künstler die auf diesem Streckenabschnitt verkehrenden Busfahrer darum bittet, ihre Geschwindigkeit beim Vorbeifahren an dem Werk nicht zu verringern [...].

[...] Inhaltlich zielt Hasucha mit seiner Arbeit zunächst einmal auf das große Erfahrungsfeld der Zeit im Allgemeinen. Er greift damit ein zentrales Thema der Moderne auf, wie es beispielsweise in der Tradition von Marcel Proust literarisch „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, von Henri Bergson philosophisch in seiner Theorie der Dauer oder Norbert Elias kulturhistorisch „Über die Zeit“, um nur einige wirklich bedeutende Entwürfe zu nennen, mit unterschiedlichsten Fragestellungen und Ergebnissen immer wieder bearbeitet worden ist.

Mit dem skulpturalen Ereignis „heute“ wird der Zeitbegriff allerdings nicht abstrakt oder absolut definiert, sondern in einem Beziehungsgefüge von Bewegung und Raum ge- und verortet. Die einfache Formel „Zeit gleich Geschwindigkeit mal Weg“ drückt in verkürzter Form die angedeutete Abhängigkeit der genannten Koordinaten aus. Neben der Zeit ist somit der aus der Bewegung heraus wahrgenommene Raum ein weiterer wichtiger Gegenstand seiner Arbeit [...]

[...] Alle Vorbeifahrenden werden das neu entstandene, semantisch angereicherte Landschaftsbild meistens lediglich verschwommen oder fragmentiert sehen können, da ein unverzerrtes Vollbild nur in direkter Ansicht für Sekundenbruchteile möglich ist. Danach verschwindet das optisch wahrnehmbare Bild augenblicklich wieder. Eine gewisse Unschärfe in der Wahrnehmung ist der Arbeit deshalb eigen. Sie korrespondiert mit dem Gefühl, dass es unmöglich ist, den Moment festzuhalten. Gegenwart erscheint als etwas Vorüberziehenes, will zwar gelebt sein, aber kann doch nur über eine nachträgliche Reflexion, also durch Bezug auf das bereits Gewesene, erlebt werden. Das zum Beispiel von Pendlern auf der Strecke Ramsdorf - Velen täglich wieder neu gesehene >heute< erscheint deshalb als Metapher für die Nicht-Fassbarkeit des Momentes. Daneben liefert es eher beiläufig ein anschauliches Bild für die Relativität des Zeitbegriffes. Das „heute“ über fünf Jahre in unterschiedlichen Kontexten und Zeitfenstern wahrgenommen, erweist sich hierbei als einzige und zugleich als stabilste Konstante. Mit einfachen, aber ungemein wirkungsvollen Mitteln gibt Hasucha dem komplexen Sacherhalt des Ineinanderaufgehens und Verschränktseins von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einen erfahrbaren Ausdruck. Paul Virilio hat den engen Zusammenhang von Zeit, Geschwindigkeit und Wahrnehmung einmal treffend mit der Formulierung „Ästhetik des Verschwindens“ umschrieben. Das damit aufgeworfene erkenntnistheoretische Problem, wie sich Gegenwart und Reflexion miteinander aussöhnen lassen, erhält in der „fünfjährigen Intervention“ eine konkrete Fassung...

Text: Spiegel, Dr. Josef: heute – eine fünfjährige Intervention von Christian Hasucha in: Skulptur-Biennale Münsterland, Kreis Borken 2005; Ausschnitte aus dem Katalogtext: Tomorrow never knows

Organisatorischer Rahmen, Eigentümer

Skulpturbiennale Münsterland 2005, Borken sowie die Direktion des Künstlerdorfes Schöppingen.

Kooperationen

Diskussion

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