Aus Land; Karin Rosenberg

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Fotodokumentation

Ort

Berlin-Friedrichshain, Persiusplatz, 10245 Berlin

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Künstlerin, Künstler

Karin Rosenberg

Technische Angaben

Werktechnik, Material

Schriftskulpturen aus gegossenem Beton, lackiert; fünf gepflanzte Bäume, Bodenaaufbau als Wassergebundene Wegedecke, gelbes Promenadengrant; umlaufender Text aus Mosaiksteinpflaster (5 x 5cm, weiss und anthrazit) einfasst mit einem Band aus Großsteinpflaster (15cm). Fünf zusätzlich gepflanzte Bäume: Fraxinus exelsior (Esche), Sophora japonica (Japanischer Schnurbaum), Gingko biloba, Quercus rubra (Roteiche), Sorbus intermedia (Mehlbeere)

Maße

Buchstabenhöhe jeweils 225cm, Buchstabentiefe jeweils 40cm;

„LAND“, liegend, Länge = 10m, „AUS“, stehend, Länge = 6,75m

Platzfläche des großen Platzes gesamt ca. 1400qm

Gesamtlänge des Schriftbandes um die große Platzfläche: ca. 185lfm. (Seitenlängen ca. 76 x 45 x 66m)


Kurzbeschreibung

Gesamtgestaltung zweier durch eine Straße getrennter Platzflächen:

Drei in orange lackiertem Beton gegossene Buchstaben „AUS“ markieren als überdimensioniertes Zeichen eine Teilfläche des neugeschaffenen Persiusplatz, zwischen U-Bahn Warschauer Straße, Ostkreuz und der Stralauer Allee in Friedrichshain, einem Quartier, das geprägt wird von Durchgangsverkehr und unauffälligen Wohnbauten. Vier weitere Buchstaben „LAND“ liegen auf der größeren Platzhälfte und bilden ein Objekt, das zum Sitzen, Liegen und Anlehnen einlädt. Der dreieckige Platz ist plan und mit ockerfarbenem Sand bedeckt, hier stehen einige Bänke und rings um ihn herum stehen ca. 20 Bäume. Der Platz ist mit einem Textband aus Mosaikpflaster umrandet, das Baumarten und ihre Herkunft auflistet.

Zeitangabe

Konzeption 2003, Realisierung 2004

Inhaltliche Beschreibung

Aufgelistet werden Neophyten, die als „typische Berliner“ Strassenbäume gelten, aber eben ursprünglich eingewandert sind: Rosskastanie (Balkan), Götterbaum (Asien, Australien), Silberpappel (Südeuropa, Westasien), Roteiche (Amerika), Robinie (Amerika), Silberahorn (Amerika), Baumhasel (Südosteuropa, Westasien), Rotesche (Amerika), Gingko (China), Zerreiche (Südosteuropa, Westasien), Silberlinde (Südosteuropa), Balsampappel (China), Scharlachdorn (Amerika)

„ (...) In ihrem Entwurf für den Persiusplatz in Berlin-Friedrichshain verbindet Karin Rosenberg historische, botanische und gesellschaftliche Referenzebenen zu einem komplexen inhaltlichen Bedeutungsfeld, das darüber hinaus konkrete Funktionen hinsichtlich der zukünftigen Nutzung des Ortes entwickelt. Zwei voneinander getrennte Platzflächen werden formal wie inhaltlich durch das kombinatorische Wortpaar Aus_Land, eine einheitliche Bodengestaltung und umlaufend geschlossene Baumreihen sowohl zueinander als auch zum umgebenden Stadtraum in ein Beziehungsverhältnis gesetzt. Anstelle einer symbolischen Überbrückung dieser beiden Inseln durch künstlerische Mittel entsteht diese Verbindung allein auf der abstrakten und synthetisierenden Textebene des Wortes Ausland sowie aus dem historischen Blick auf ortstypische Pflanzengesellschaften.

Durch die Analogiebildung zwischen Botanik und menschlicher Gesellschaft gerät der Blick auf die seit dem 15. Jahrhundert eingebürgerten Baumarten in Verbindung mit unserer multiethnischen Bevölkerungsstruktur zur inhaltlichen Klammer an einem neuralgischen Ort in der Stadt, der durch Migration, Arbeitslosigkeit und Ost-West-Konflikt definiert ist.

Sowohl die Zusammensetzung der vorgefundenen Pflanzengemeinschaft als auch die Strukturen und Veränderungen unserer modernen, postindustriellen Gesellschaft unterstehen vergleichbaren Gesetzen des Platzbehauptens und des Platzverlustes durch unterschiedlichste Formen der räumlichen Aneignung. Ort und soziale Situation werden gleichermaßen durch Veränderung, Mobilität sowie die Mechanismen des Ein- und Ausgrenzens bestimmt und erfahren in der symbolischen Gegenüberstellung sowohl trennender wie verbindender Raumaspekte ihren sinnfälligen Ausdruck. Das komposite, aber getrennt aufgestellte Wort Aus Land weist neben der Differenz zwischen Aufbrechen und Ankommen auf den subjektiven Konflikt zwischen Heimat und Fremdheit angesichts gesellschaftlicher Trennungen hin. In der Parallele zur Klassifizierung der umgebenden Baumgesellschaft in angestammte und eingebürgerte Arten wird die Frage nach den Gesetzmäßigkeiten der Differenzierung und Selektion zwischen heimisch und fremd von einer wissenschaftlich-objektiven Perspektive auf eine subjektiv-individuelle Ebene menschlichen Zusammenlebens gehoben. Denn jede Art der Klassifikation und Zuordnung impliziert immer auch solche der Deklassierung und Abgrenzung, jede zuschreibende Definition entscheidet über Platzbehauptung bzw. Platzverlust. Auf die soziale Situation des umliegenden Stadtquartiers und Berlins insgesamt bezogen, bedeutet dies die aufmerksame Beobachtung jener Phänomene, die Fremdheit und Veränderung zum Anlass von Konflikten und politischen Strategien machen.

Die Besonderheit des künstlerischen Konzeptes von Karin Rosenberg liegt in der Entwicklung einer deutlichen Zeichensprache, die das komplexe Bezugsfeld der angerissenen Probleme und Fragen in eine ebenso simple wie ausdrucksstarke räumliche Formel transformiert. Das nach wie vor erstrebenswerte Ideal einer gleichberechtigten multikulturellen Gesellschaft scheint auf botanischer Ebene bereits erreicht: Eine natürliche Gesellschaft von Bäumen aus allen Kontinenten der Erde bildet das gleichermaßen formale wie symbolische Framing für eine Betrachtung jener Mechanismen von Integration und Ausgrenzung, wie sie insbesondere auf der vermeintlich objektiven Grundlage wissenschaftlicher Klassifikation noch heute ihre extrem subjektiven Konsequenzen für jedes einzelne Individuum der Gesellschaft zeitigen.“

Ralf F. Hartmann in Broschüre zu Kunst-im-öffentlichen Raum: Projekt Aus_Land

Organisatorischer Rahmen, Eigentümer

Geladener Wettbewerb 2003 zur Neugestaltung des Persiusplatzes in Berlin-Friedrichshain, ausgelobt durch das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin im Rahmen von „Urban II“ mit Fördermitteln der Europäischen Kommission, die nur eine relativ geringe Beteiligung des Landes Berlin erforderlich machte. „Urban II“ ist eine Gemeinschaftsinitiative der Europäischen Union, mit der krisenbetroffene Städte und Stadtviertel unterstützt werden.

Kooperationen

Pflasterung: Fa. Dannenberg, Berlin

Betonguss: Faktor Kunst GmbH, Berlin

Diskussion

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